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„Lasst uns einfach guten Wasserball spielen!“

20.11.2025

Interview mit Neu-Trainer Christian Böttge

Christian Böttge ist neuer Trainer der Wasserballmänner der SVg Münster 91. Im Interview spricht er über Trainingsschwerpunkte, Ziele und über seine Vergangenheit als Wasserballer und Footballer.

Hallo Christian, erzähl‘ uns ein bisschen von dir. Wo kommst du her, was machst du beruflich, was hat dich nach Münster verschlagen?

Geboren wurde ich 1993 in Wuppertal. Dort bin ich auch aufgewachsen, habe Abitur gemacht und an der Bergischen Universität Wuppertal mein Masterstudium in Elektrotechnik mit Schwerpunkt Energiemanagement abgeschlossen. Seit 2022 arbeite ich bei Würth Elektronik. Noch im selben Jahr bin ich zu meiner Freundin Jenny ins Münsterland gezogen. Home Office sei Dank. Inzwischen wohnen wir in Albersloh vor den Toren Münsters. Das Leben hier ist definitiv anders als in Wuppertal, aber ich genieße es sehr. Und da Wuppertal nur rund eine Stunde entfernt ist, sehe ich Familie und Freunde dort regelmäßig.

Wo bist du wasserballerisch „sozialisiert“ worden?

Ich habe früh schwimmen gelernt. Das war meiner Mutter sehr wichtig. Einfach, damit sie sich im Urlaub am See keine Sorgen machen muss. Beim SSC Hellas Wuppertal 1891, witzigerweise im selben Jahr gegrpündet wie die SVg 91 Münster, habe ich als kleiner Junge in der Schwimmgruppe trainiert. Mit großem Spaß. Aber auf die klassischen Wettkämpfe hatte ich keine Lust. Udo Käseberg, eine echte Vereinslegende des SSC Hellas, hat mich dann zum Wasserball geholt. Er überzeugte mich, dem Sport eine Chance zu geben, und schon nach den ersten Trainingseinheiten war ich begeistert. Die Dynamik, das gemeinsame Kämpfen und der Teamgeist haben mich sofort gepackt.
Von der U12 bis zur 1. Mannschaft habe ich dann Wasserball für die Hellenen gespielt. Leider wurden durch die Schließung des Vereinsbads und andere Umstände unsere sportlichen Ambitionen stark gebremst. Mit rund 20 Jahren legte ich den Wasserball daher zunächst auf Eis und begann stattdessen, bei den Wuppertal Greyhounds American Football zu spielen.

Dann kannst du uns bestimmt auch sagen, was anspruchsvoller ist: Football oder Wasserball?

Football ist ein äußerst komplexer Sport, der hohe motorische Fähigkeiten, Robustheit und taktisches Verständnis erfordert. Jeder Spieler hat eine klare Aufgabe und sobald einer der elf Akteure nicht mitzieht, gerät das ganze Gefüge ins Wanken. Genau darin sehe ich starke Parallelen zum Wasserball. Auch hier ist der Sport komplex, taktisch anspruchsvoll und physisch fordernd. Man braucht Zeit, um die Abläufe und Regeln zu verstehen und die nötige Fitness zu entwickeln, um wirklich mitzuhalten.

Vielen Dank für die diplomatische Antwort. Was das Image betrifft, entwickeln sich die beiden Sportarten allerdings nicht gerade parallel: Football erlebt derzeit in Deutschland einen echten Boom, während Wasserball schwächelt.

Das ist absolut richtig. Ich bin überzeugt, dass der Wasserballsport in Deutschland viel von der Entwicklung des American Footballs lernen kann. Als ich 2012 anfing, gab es im deutschen American Football Bund vier Ligen mit teils großen Leistungs- und Organisationsunterschieden. Hätte mir damals jemand gesagt, dass der Sport nur wenige Jahre später im deutschen Fernsehen gezeigt und einen regelrechten Hype erleben würde, ich hätte ihn wohl für verrückt erklärt.
Ich bin jedoch überzeugt: Wenn der Schwimmverband die Vereine stärker einbindet, Weiterbildung fördert und junge Menschen gezielt an den Sport heranführt und darüber hinaus wir alle innerhalb dieser kleinen, engagierten Community zusammenhalten und uns sichtbarer machen, dann kann Wasserball in Deutschland einen echten Aufschwung erleben. Verdient hätte es diese großartige Sportart auf jeden Fall.

Du stehst ja jetzt schon ein paar Monate bei der SVg als Coach am Beckenrand. Wie lautet dein erstes Fazit?

„Sky is the limit!“ Dieses Motto passt perfekt zu unserem Team. Wir haben ein großartiges Vereinsleben mit starker Identifikation und eine breite Aktivenbasis. So etwas habe ich in keinem anderen Verein zuvor erlebt. Natürlich sind wir in der Unistadt Münster ein Stück weit von Spielern abhängig, die hier studieren und nach dem Abschluss oft in die Heimat zurückkehren. Trotzdem haben wir einen stabilen Kern, auf den wir uns verlassen können und der den Spielbetrieb Jahr für Jahr
trägt. Ich möchte niemanden namentlich hervorheben, Wasserball ist schließlich ein Teamsport. Aber wir sind aktuell so stark aufgestellt wie noch schon lange nicht mehr. Teilweise trainieren wir mit drei Mannschaften gleichzeitig im Wasser, was mich immer wieder dazu zwingt, das Trainingsprogramm spontan anzupassen, um den vorhandenen Platz möglichst optimal zu nutzen. Abgesehen von den begrenzten Trainingsmöglichkeiten, die wir von der Stadt zur Verfügung bekommen, könnte ich mir momentan keine bessere Umgebung wünschen.

Welche Schwerpunkte legst du in der Trainingsarbeit?

Der Fokus liegt in dieser Saison klar auf einer einheitlichen Spielidee. Wir haben Spieler aus unterschiedlichen Vereinen, mit verschiedenen Hintergründen und Spielphilosophien. Das führt aktuell noch gelegentlich zu Kommunikationsproblemen, wodurch wir den Ball zu leicht verlieren oder Angriffe nicht konsequent genug abschließen. Genau daran haben wir in der Vorbereitung intensiv gearbeitet.
Unsere große Stärke liegt in der Homogenität des Teams, kombiniert mit Unterschiedsspielern, die ihre individuellen Stärken gezielt einbringen. Wir verfügen über Schnelligkeit, Fitness, Durchsetzungsvermögen, individuelle Klasse, körperliche Präsenz und Erfahrung. Jetzt ist es unsere Aufgabe, all das zusammenzubringen.

Welche Spielphilosophie möchtest du vermitteln?

Ich will, dass das Team ein klare Spielidee verfolgt und das mit hoher physischer Intensität. Jeder, ob im Wasser oder am Beckenrand, soll genau wissen, was wir spielen und wie wir es umsetzen wollen. Dank unseres breiten Kaders können wir viel rotieren und dadurch konstant frisch und druckvoll bleiben. Ein „Liegenbleiben“ im Wasser wird es bei uns in dieser Saison hoffentlich nicht mehr geben.

Was erwartet du von der Mannschaft in der nächsten Saison?

Ich halte mich bewusst mit einem sportlichen Maximalziel zurück. In meinem ersten Jahr als Trainer geht es mir vor allem darum, unseren Ansatz nachhaltig zu implementieren. Mit dem neuen Ligensystem, zwei Gruppen mit einem Gewinner- und Verlierer-Bracket, stehen in dieser Saison ohnehin nur Entscheidungsspiele an. Natürlich wollen wir gerne ins Gewinner-Bracket. Wenn das im ersten Jahr nicht gelingen sollte, wäre das für mich kein Rückschlag. Ich weiß aber, dass das Potenzial dafür in uns steckt.

Noch einmal zurück zum leidigen Thema “Unzureichende Trainingsmöglichkeiten“. Sag zwei Sätze dazu aus Sicht eines Zugezogenen, der das möglicherweise ganz anders erlebt hat.

Es ist für mich völlig unverständlich, dass eine Stadt wie Münster mit sechs Hallenbädern im direkten Umfeld es nicht schafft, einem Traditionsverein wie der SVg 91 Münster angemessene Trainingszeiten bereitzustellen. Wir stellen eine funktionierende Schwimm- und Wasserballabteilung, die Kindern das Schwimmen beibringt, Jugendlichen Perspektiven gibt und den Leistungssport Wasserball in Münster überhaupt erst möglich macht und das mit nachweisbarem Erfolg: Aufstieg, Pokalsieg und NRW-Pokal-Qualifikation in den vergangdenen drei Jahren. Dass unsere Herrenmannschaft nur einmal pro Woche trainieren darf und die Jugendabteilung gerade einmal eine Stunde Hallenzeit bekommt, ist schlicht
nicht zu rechtfertigen. Andere Städte mit deutlich schlechteren Voraussetzungen fördern die
Schwimmsport treibenden Vereine deutlich besser. Hartmut Schüppler, der den Trainerjob gefühlt eine Ewigkeit gemacht hat, hat vor jedem Spiel folgende Botschaft an das Team gerichtet: „Wasserball muss Spaß machen. Und am meisten Spaß macht Wasserball, wenn man gewinnt!“ Was sagst du künftig den Jungs?

„Lasst uns einfach guten Wasserball spielen!“ Diese Aussage klingt vielleicht schlicht, bringt aber genau das auf den Punkt, was mir wichtig ist: Wir können nicht beeinflussen, wer in unsere Liga kommt, welche Entscheidungen gegen oder für uns getroffen werden oder wen wir in der Pokalrunde zugelost bekommen. Aber wir können uns auf uns selbst konzentrieren, einander unterstützen und unsere Spielideen konsequent im Wasser umsetzen. Wenn uns das auch nur ansatzweise gelingt, bin ich überzeugt, dass sich Erfolge von selbst einstellen. Und da bin ich ganz bei Hartmut: Wir wollen Spaß haben – und zu gewinnen, macht besonders viel Spaß!

Danke für das Gespräch, Christian

Wasserballer mit Football-Erfahrung: Christian Böttge geht zuversichtlich in seine erste
Trainersaison bei der SVg 91.